Redemanuskript bei der Montagsmahnwache am Sendlinger Tor am 09.06.2014

verantwortlich: Spoxx, Noreen & Andreas
es gilt – wie immer – das gesprochene Wort…

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Die Empörung steht als allererstes.
Das unbestimmte Gefühl zu haben irgendwas stimmt da nicht. Man fühlt sich verarscht, hintergangen, die Welt von der man glaubte sie sei wahr – ist es auf einmal nicht mehr.
Man empfindet Wut. Angst vielleicht sogar.

Wahrscheinlich kommen hier zur Mahnwache auch Menschen, die Angst haben. Angst vor einem Krieg, der so nah ist und vielleicht nicht räumlich begrenzt bleibt. Das bestimmende Moment aber, warum ihr hier seid, ist hoffentlich die Empörung. Nämlich zum Beispiel darüber, dass die meisten Medien in den letzten Monaten sehr einseitig berichtet haben, nämlich “alles, was der Westen macht, ist gut und richtig” und alles andere, insbesondere Putins Handlungen sind falsch, wenn nicht sogar “böse”, weil wir im Westen wollen doch nur das Gute. Die Medien wollen uns Glauben machen, dass die Assoziierung an die EU das einzig Gute für die Ukraine ist. Das ist in der Tat empörend, Es verletzt unsere Intelligenz.

Auch wissen wir: Putin ist keinesfalls ein lupenreiner Demokrat, er setzt auf Nationalismus, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, die wir hier heute Abend vor dem Sendlinger Tor haben, ist in Russland weniger gesichert, politische und freiheitliche Grundrechte sind KEINE Selbstverständlichkeit in Russland. Aber Russland schickt seine Soldaten nicht zu Kampfeinsätzen rund um dem Globus, das unterscheidet das Land zum Beispiel von den USA.

Wir sind empört darüber, dass die in der NATO verbündeten Staaten, allen voran die USA, Frankreich und Großbritannien, aber auch Deutschland Krieg als legitimes Mittel ihrer Politik verstehen. Krieg im Namen von Humanismus und Menschenrechten, das ist zynisch. Immer werden Unschuldige getötet, verletzt, traumatisiert, aus ihrer Heimat vertrieben. Dabei geht es in der Regel um Rohstoffe, insbesondere Erdöl und Erdgas, um Einflussnahme auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung. Uns hier falsche Tatsachen vorspiegeln zu wollen verletzt wiederum unsere Intelligenz – und unsere moralischen Vorstellungen. Wir wollen eine Welt ohne Kriege. Deshalb empören wir uns. Frieden ist möglich. Durch Kooperation von Menschen, von Staaten und Völkern.

Und die verdammte Pflicht derer, die sich anmaßen, in unserem Namen Entscheidungen zu treffen, ist die, auf uns zu hören. Tut alles, dass die Waffen schweigen und die Konfliktparteien sich an den Verhandlungstisch setzen. Im Osten der Ukraine, aber genauso in Syrien und jedem anderen Land, wo mit Waffengewalt gekämpft wird.

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Ja, wir sind empört. Wir werden belogen. Aber nicht immer und nicht nur. Nur wie ist das zu durchschauen? In Deutschland, der EU, in Russland und in den USA, in der Ukraine, aber auch in Syrien und in Nigeria gibt es Interessen. Herrschende Interessen z.B. der politischen Entscheider, der großen Konzerne, der Oligarchen. Widerstreitende Interessen der Reichen und Mächtigen innerhalb und zwischen den Ländern. Dabei geht es nicht um unsere Interessen als Bürger, als Menschen. Es geht vielmehr um die Absicherung der wirtschaftlichen und politischen Interessen. Dazu dienen Feindbilder und Stigmatisierungen. Wer in manchen Fragen Verbündeter ist, ist es in anderen vielleicht nicht mehr. Es gibt Gewinner und Verlierer – wie immer, wenn der Stärkere gewinnt und es eben nicht um Interessenausgleich und Kooperation geht.

Ja, es wäre schön, wenn die Welt einfach zu verstehen wäre. Ist sie aber nicht. Wir leben schon lange in einer globalisierten Welt, auch wenn wir uns dessen früher nicht so bewusst waren. Wenn wir einfache Antworten hören, dürfen wir ihnen nicht trauen. Sie verkürzen unzulässig und laufen Gefahr, Feindbildern aufzusitzen.

Viele Argumentationsmuster, gerade auch rechte, sind immer so schön einfach: schuld sind die Schwachen selber, schuld sind die Großbanken, das Finanzkapital, die Russen, die Amerikaner, die Asylbewerberinnen. Dies führt zu vermeintlichen “Lösungen”, die einfach klingen. Sie sind verführerisch aber falsch.

Und wenn wir Theorien über eine globale Verschwörung einer kleinen “elitären Elite” hören, dürfen wir ihnen ebenfalls nicht trauen! Diese Theorien bringen keinen Erkenntnisgewinn. Sie erklären uns vielmehr für handlungsunfähig. Denn diese Theorien behaupten ja, dass wir den Vorhang vor der vermeintlichen Verschwörung gar nicht wegreißen können; dass wir uns niemals darüber informieren können, was da im Geheimen wirklich passiert.

Warum sollen wir uns also mit solchen Theorien abgeben, wenn wir doch auf der anderen Seite, alternativ dazu, gute Analysen und Erklärungsmodelle zur Verfügung haben, die beschreiben, wie die Machtstrukturen unserer Gesellschaft funktionieren, und die uns Handlungsansätze aufzeigen: Was zu tun ist, um diese Machtstrukturen aufzubrechen und die Gesellschaft freier und gerechter zu machen.

Also, wir müssen uns schon die Mühe machen, uns zu informieren und zu verstehen. Vielleicht sollten wir es machen wie im “Warum-Spiel” der Kinder.

Warum greift Claus Kleber den Siemens-Chef Joe Kaeser wegen der Siemens-Geschäfte mit Russland im heute-jounal an? Geschäfte machen im Kapitalismus ist doch gut, machen wir bei Waffen mit Saudi-Arabien und Katar auch.

Zum Beispiel, weil Russland sich in die Angelegenheiten eines souveränen Staates nicht einzumischen hat.

Warum machen die USA und die EU das denn?

Weil diese von den Ukrainern…

welchen eigentlich?

…dazu eingeladen worden sind?

Warum ist es etwas anderes, wenn Russland sich in der Ukraine einmischt als wenn Saudi-Arabien und Katar sich in Syrien einmischen? Da geht es doch auch um Macht und Einflussnahme.

Weil die Ukraine eine Demokratie ist und Syrien ein totalitärer Staat.

Warum machen wir dann aber Geschäfte mit Saudi-Arabien?

Weil die Geld haben und da das Öl ist.

Warum ist jetzt saudisches Öl kein Problem, aber das russische Erdgas, das brauchen wir doch auch, oder?

Schon, aber die USA haben jetzt durch Fracking Erdgas, das lupenrein demokratisch gefördert wird und das sie uns verkaufe möchten.

Wir könnten das Spiel lange weiter fortsetzen und natürlich kann man die erste Frage und jede folgende auch anders beantworten – und es wird in keinem Fall eine eindeutige Wahrheit geben. Die Welt ist kompliziert, es gibt keine einfachen Antworten und in der Regel ist auch nicht ein Einzelner oder eine bestimmte Gruppe schuld. Unsere Antworten können deshalb auch nie einfach sein. Wer dauerhaft Frieden will, wird sich wohl oder übel auf diese Komplexität einlassen müssen.

Kommen wir deshalb noch einmal zur Ukraine zurück. Was passiert da? Schwer von außen zu sagen, aber sicher gibt es keine Demokratisierung des Landes, ein Oligarch wurde durch einen anderen abgelöst. Die wirtschaftliche Not wird größer, hinzu kommt eine Ethnisierung des Konflikts, beides Entwicklungen, die einem wirklichen Frieden entgegenstehen, der sozialen Frieden und Wahrung der Menschenrechte für alle einschließt.

Wir können euch also nur einladen, euch zu informieren. In der Wüste der öffentlichen und privaten Medien gibt es so manche Oase. Dazu braucht es nicht immer die Form des politischen Kabaretts wie “Die Anstalt” im ZDF. Es gibt auch einzelne gute Berichte in den klassischen Medien und politischen Blogs. Ausgangspunkt könnten zum Beispiel die “Hinweise des Tages” auf den NachDenkSeiten sein. Egal, wir wollen euch ermuntern, euch zu informieren und selber zu denken. Euch zum Beispiel mit der Frage zu beschäftigen, ob unsere Gesellschaft, unsere Kultur überhaupt zum Frieden fähig ist. Haben wir nicht eine Gesellschaft, eine Kultur, die Feindbilder braucht? Setzt unser Wirtschaftssystem nicht auf Konkurrenz, auf das Überleben der Stärksten? Wie kann so Frieden möglich sein?

***

Was also können wir tun?
Einerseits gibt es Montagsdemos und Mahnwachen in vielen Städten, andererseits ist das Bild verwirrend. Von denen, die aus klassischen sozialen Bewegungen kommen, gibt es widersprüchliche Signale. Zum einen gibt es große Skepsis, zum anderen durchaus die Aufforderung, sich auf die Montagsdemos einzulassen, sie kritisch zu begleiten und Position zu beziehen. Deshalb stehen wir hier. Wir hegen Skepsis und sind heute doch da.

Ich habe im Laufe der Zeit viele Bewegungen erlebt und mitgemacht. Da war die Friedensbewegung gegen die Stationierung von atomar bestückten Pershing-II-Raketen und Cruise Missiles Anfang der 80er Jahre, da war der Protest gegen den ersten Golfkrieg Anfang der 90er Jahre, die globalisierungskritische Bewegung, die von der ersten Veranstaltung im Jahr 2001 in Porto Alegre in Brasilien ausging. Von da an hieß es “Um outro mundo é possível.” – „Eine andere Welt ist möglich.“

Und schließlich die sozialen Proteste 2011 haben uns zusammengeführt: Arabischer Frühling, Movimiento 15M in Spanien, Proteste in Chile und Israel, Occupy Wall Street – und hier in Deutschland “Echte Demokratie jetzt” als Bezug zu einer der spanischen Organisationen, nämlich “Democracia real ya” sowie Occupy. In dieser Zeit sind die mittlerweile europaweiten Blockupy-Proteste entstanden, die nun bereits ins dritte Jahr gegangen sind.

Wir können euch nur raten, euch mit den Akteuren in den bestehenden sozialen Bewegungen zu vernetzen. Unsere Stärke liegt in der Vernetzung und in der Solidarität. Und in gemachten Erfahrungen. Dieser Austausch würde euch hier viel bringen, genauso wie es den bestehenden sozialen Bewegungen etwas bringen würde, neue Impulse von jungen Menschen zu erhalten.

Aber was heißt “Vernetzung” genau? Wie, genau, soll das denn gehen…?

Es heißt zunächst einmal, wie soeben gesagt: miteinander reden, einander kennenlernen, voneinander lernen.

Aber “Vernetzung” heißt noch mehr:
Es heißt auch: Strukturen schaffen.
Es gibt ja bereits Strukturen, auf die wir zurückgreifen können. Die erwähnten bestehenden sozialen Bewegungen haben solche Strukturen geschaffen: Attac, zum Beispiel, bietet Arbeitskreise und Schulungen an; vom Münchner Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung gibt es fundierte Studien zu wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, und politischen Themen; die klassischen Friedensbündnisse organisieren Informationsveranstaltungen und Kundgebungen. All diese Dinge bieten Gelegenheiten, für empörte und informierte AktivistInnen, sich zu vernetzen.

Es gibt neben diesen “klassischen” aber bereits auch “neue” Strukturen, die ihr ja zum Beispiel nutzt, die auch wir nutzen:
Die Sozialen Medien, Facebook, Twitter, Blogs – und damit verbunden: neue Arten zu kommunizieren, sich zusammenzuschließen und sich zu organisieren. Ohne Hierarchien, in wechselnden “fluiden” Konstellationen, Gruppen und “Kreisen”.

Aber nach dem miteinander Reden und gegenseitigen Kennenlernen, nach dem Schaffen von gemeinsamen Strukturen, gibt es eine weitere Stufe der Vernetzung: Konkrete Projekte.
Reden, Diskurs ist wichtig, aber kein Selbstzweck. Die Praxis, die Umsetzung unserer Empörung, unserer Informiertheit, unserer Vernetzung in konkretes gesellschaftliches Handeln – das ist es doch, worum es im Kern geht.

“Für Frieden sein” – das heißt ja nicht nur: die Verursacher der Kriege und die Profiteure anzuprangern oder die Hintergründe der Kriege, die globalen und regionalen Macht- und Profitinteressen, zu erforschen:
Denn der Krieg, die globale Ungerechtigkeit, das ist auch in München präsent. Hier und jetzt: Thema “Flüchtlinge”, Non-Citizen zum Beispiel: Da gibt es Projekte, die brauchen Unterstützung. Das Hungerstreik-Camp auf dem Rindermarkt jährt sich in diesen Tagen. Da ist Raum und Bedarf für konkretes, praktisches Engagement…
Auch das ist “Vernetzung” – Vielleicht ist das sogar die “Essenz” von solidarischer Politik und Engagement: gemeinsam mit anderen dafür zu arbeiten, dass die Not aufhört und es allen besser geht. Vielleicht steckt darin schon der Gegenentwurf zur tödlichen Kultur der Konkurrenz und Ausbeutung.

Niemand wird für uns diesen Gegenentwurf verwirklichen. Wir müssen uns zusammentun und uns selbst ermächtigen, die Veränderungen herbeizuführen, die wir uns wünschen. Wir müssen dafür nicht auf die “Revolution” warten. Wir können schon jetzt beginnen, unsere Interessen eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten und unsere Autonomie zu stärken und zu erweitern.

Sicher: das ist ein Weg, der ins Unbekannte führt. Und…

…niemand erhebt den Anspruch DIE WAHRHEIT zu kennen oder den vollen Durchblick zu haben. Aber wir können soviel voneinander lernen und das sollten wir auch!
Seien wir offen für den Diskurs, die Veränderung in uns selbst und in anderen.

Wir sollten uns zusammentun und konkret eingreifen in den Lauf der Dinge!

4 Gedanken zu „Redemanuskript bei der Montagsmahnwache am Sendlinger Tor am 09.06.2014

    • Jeder Einzelne hat zu Ernten was er Einst selber sähte!Deshalb ist was Du jetzt sähst das Einzige auf was Du achten sollst.Achte nicht auf das Schlechte sondern kultiviere weise das Gute in Dir selbst.Das ist aber immer wieder nur im Jetzt und genau Hier wo Du gerade wieder Jetzt BIST möglich!Der Egoismus jedes Einzelnen ist das Grundübel in allen Bereichen unserer Welt!Die weitverbreitetste und übelste Krankheit ist besonders heutzutage der Egoismus jeder einzelnen Seele.
      Egoismus entsteht hauptsächlich aus Angst und der irrtümmlichen, ENGSTIRNIGEN Identifikation mit unserem sterblichen Körper.Nur ein weitsichtiger weiser Geist welcher durch ebensolches Tun von selbstloser Liebe durchtränkt und in sich ruhig ist kann diese von Ängsten getriebene Unwissenheit unserer ursprünglich göttlichen Identität wieder vom eigentlichsten unveränderlichen Innersten her klar reflektieren oder abermals zum Erstrahlen bringen.
      Aus Egoismus wird Geld in Riesenmengen angehäuft und verdirbt so nur allzuleicht den Character noch ganz und gar.Falscher Stolz treibt die Machtgier voran und sind zusammen mit den heutzutage meist tugendlosen und unmoralischen Wissenschaften die Ursachen allen Übels auf der Welt.Bedenke, – jeder erntet dass was er einst selber sähte auch wenn es bitter sein sollte.Die Welt wie Du,- ja genau DU sie jetzt zu sehen imstande bist ist also das Ergebnis deiner eigenen Sichtweise welche wiederum das Ergebnis Deiner eigenen Aussaht sowohl der näheren als auch der fernen Vergangenheit IST! Also suche die Schuld nie im Äusseren,sondern wisse deine Sichtweise ist allein das Ergebnis deines eigenen Handelns.Die Welt ist ein perfekter Spiegel deiner selbstgebackenen Sicht-WEISE!?SEIN oder NICHTSEIN hängt also logischerweise davon ab wie rein und tugendhaft deine Gedanken und Gefühle SIND!
      Der EINE UND EINZIGE GOTT in welchem alles was ist existiert segne DICH mit Weisheit und selbstloser Liebe,auf das Du die göttliche Welt so sehen kannst wie sie wahrlich ist!

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