Unsere Kultur – zum Frieden unfähig?

Anfangen möchte ich mit einem Zitat von Arno Gruen:

„Unsere Kultur macht es Menschen sehr schwer, ein eigenes freies Selbst zu entwickeln, weil sie das innere Erleben abwertet und Äußerlichkeiten wie Besitz und Status zum Maßstab des persönlichen Selbstwertes erhebt. Gleichzeitig sind in dieser Kultur Gewalt, Dominanzstreben und Rivalität als „positive“ menschliche Qualitäten verankert. Zugespitzt könnte man sagen: Wer im Konkurrenzkampf um Status und Besitz gewinnt, darf sich als stark und bedeutungsvoll erleben. Die „Verlierer“ jedoch, die sich – aus welchen Gründen auch immer – keinen Anteil sichern können, werden als unbedeutend und weniger wert angesehen.“

Arno Gruen: „Ich will eine Welt ohne Kriege“, Klett-Cotta

Unsere Kultur und unser Wirtschaftssystem setzen auf Konkurrenz statt Kooperation. Wer gewinnt, ist ein Held. Helden sind ganz wichtig, mit ihnen kann man sich identifizieren, gerade weil kaum noch Platz für Mitgefühl bleibt. Flüchtlinge, die in Mittelmeer ertrinken; griechische Mütter, die kein Geld haben, um mit ihrem Neugeborenen zum Kinderarzt zu gehen, weil das öffentliche Krankenversicherungssystem nahezu zusammengebrochen ist; Flaschen sammelnde Hartz-IV-EmpfängerInnen in München – kein Platz für Mitgefühl und Solidarität.

Gewalt wird in unserer Gesellschaft heroisiert, spätestens nach 9/11 begann der Krieg gegen den Terror, der Kampf „Gut“ gegen „Böse“. Wer einen Terroristen tötet, ist ein Held. Militärisches Eingreifen in Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien gehören zum politischen Handwerk des Westens, sind also auch Teil unserer Kultur. Das Erbe von 500 Jahren europäischer Kolonialgeschichte schimmert da mehr als deutlich durch.

Diese Kultur braucht Feindbilder. Nur so lässt sich der Konkurrenzkampf aufrecht erhalten. In wirtschaftlich stabilen Zeiten fällt das vielleicht weniger auf, aber die Ressentiments gegen Ausländer, Arbeitslose, Andersgläubige, Schwule und Lesben etc. sind auch in Deutschland stark verbreitet, wie die Untersuchungen zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ der Uni Bielefeld deutlich zeigen. Der Hass und die Verachtung, die darin deutlich werden, sollten uns alle alarmieren. Denn in Krisenzeiten steigt dann die Gewaltbereitschaft. Was dann passiert, können wir in der Ukraine, aber auch in Griechenland z.B. mit der offen neonazistischen Partei Chrysi Avgi (goldene Morgenröte) mit Schrecken beobachten.

Mit Feindbildern lassen sich auch Menschen für Kriege mobilisieren, es muss sich zum Beispiel nur um eine „gerechte Sache“ handeln, die von verantwortungslosen Politikern oder selbsternannten Führern erfolgreich propagiert wird.

Kriege können verhindert werden – und sie müssen es auch. Das heißt aber auch, wir müssen über Macht und Märkte, über die Grundlagen unseres Wirtschaftssystems dringend reden. Hier gibt es sicher zwei Wege, die zugleich beschritten werden können. Zum einen müssen wir aufklären, die ökonomischen Hintergründe aufdecken, die zu Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen und zu Verteilungskonflikten um Erdöl, Erdgas sowie Rohstoffe und im Zuge des Klimawandels auch zunehmend um Wasser und Lebensmittel geführt werden. Ohne Aufklärung werden wir von der Wirklichkeit ferngehalten und erleben es als ganz normal, dass die größte Militärmaschine der Geschichte mit der Rhetorik von Menschenrechten und Christlichkeit sehr fundamentalistisch denkt und agiert, um die Macht- und Herrschaftsinteressen weniger abzusichern.

Zum anderen gibt es aber auch die persönliche Ebene. Wir müssen uns auch bewusst werden, dass wir Menschen miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Liebe und Mitgefühl sind es, denen wir Raum geben sollten. Reden wir miteinander. Über unsere Ängste, Sorgen, aber auch darüber, wie wir im kleinen anfangen können, solidarisch miteinander zu sein. Bei uns, mit den Menschen in Griechenland, in Syrien, in Bangladesch, in Nigeria, in der Ukraine, im Südsudan. Überall. Reden wir darüber, wie wir uns befreien von unserer Kultur, die auf Macht, Besitz und Herrschaft basiert, wie wir miteinander kooperieren und all unsere Feindbilder überwinden können.

2 Gedanken zu „Unsere Kultur – zum Frieden unfähig?

  1. Wir sind in der Lage eine neue Kultur des Friedens zu entwickeln.
    Das gibt es im kleinen auch schon. Man sieht ja auch das es überall durchbricht,
    die Sehnsucht nach Frieden.
    Das Umdenken und das stetige streben nach Frieden sind erschwert, weil die Ohnmacht die durch Staatsgewalt und Macht, die sexuellen Konditionierungen, die lange gelebten Gewohnheiten noch die Oberhand behalten. Es ist leichter destruktiv zu sein als konstruktiv.
    Die Jungen Menschen die voll Hoffnung und Mitgefühl losgehen um für eine neue Zukunft zu kämpfen – man kann uns wünschen, das wir den Mut entwickeln und die Stärke, das Mitgefühl das eben stärker ist als aller Hass und alle Gewalt. Das wir uns nicht von der Bedrohung der Ausbeutung und Armut unterkriegen lassen und uns neue Wege ausdenken. Zusammen sind wir stärker und wenn wir Inseln bauen wo wir mit dem Wissen, das es auch anders geht etwas neues versuchen und überall auf der Welt solche Plätze entstehen, dann wird ein Gegengewicht geschaffen. Und so wie die Affen, die abgetrennt von den anderen auf einer Insel gelebt haben und dort angefangen haben Bananen zu essen und die
    anderen Affen woanders auf der Welt haben auch damit angefangen….
    Genauso wird es auch sein mit den Menschen, die stark sind und für eine neue Kultur des Friedens leben und neue Wege finden wollen. Es ist ansteckend 🙂
    Es werden neue Wege gegangen, Schritt für Schritt und Menschen wie du oder ich wir fangen damit an, jeder immer wieder neu. Vielleicht kann man nicht gleich Erfolge sehen. Aber neue Wege der Kommunikation entstehen und wir entwickeln neue Fähigkeiten. Wieso kann sowas nicht auch ansteckend sein?
    So wie Niesen oder Gähnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.